Orhan Pamuk. Der Trost der Dinge Ausstellung im Lenbachhaus

„Zur Zeit meiner Kindheit gab es noch sehr wenige Museen in Istanbul, meist historische Bauten, die unter Denkmalschutz standen, oder wie Behörden anmutende Einrichtungen. Erst als ich später die kleinen, unscheinbaren Museen entdeckte, die sich in den Nebenstraßen europäischer Städte verbargen, merkte ich, dass Museen (genauso wie Romane) auch die Geschichte einzelner Individuen erzählen  können. Zudem wurde mir klar, dass ein ganz besonderer Wert von Museen darin liegt, zu zeigen, in welchem Zusammenhang sich die Objekte zueinander befinden, wie sie sich auf Menschen und deren Gedanken und Sorgen beziehen. Das nenne ich die Kraft der Dinge – eine tröstende Kraft gegen die vergehende Zeit.“ (Orhan Pamuk, in Der Trost der Dinge)

 

Orhan Pamuk – der erste türkische Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhielt – präsentiert im Lenbachhaus sein vielseitiges kreatives Schaffen als Autor, Fotograf, Zeichner, Kurator, Museumsgründer und bedeutende politische Stimme unserer Gegenwart. Pamuk erzählt seine Geschichten anhand von Objekten. Ausgehend von seinem Istanbuler „Museum der Unschuld“ mit Alltagsgegenständen zum gleichnamigen Roman überführt er Literatur in den Raum des Museums und schafft begehbare Fiktionen. Pamuk zeigt in seinem Museum die Liebesgeschichte des Fabrikantensohns Kemal und seiner schönen Cousine Füsun. Als ihre Beziehung in einer Tragödie endet, richtet Kemal ein Museum ein, in dem Tausende von Gegenständen ausgestellt sind, die ihn an Füsun erinnern. Die Objekte spiegeln zugleich das tägliche Leben in Istanbul zwischen den 1950er und den 2000er Jahren wider – und damit auch Zeitgeschehen, Geschlechterrollen oder das zeitgenössische Kino. In dreidimensionalen Collagen, die wie Wunderkammern eine eigene Welt erschaffen, entfaltet die Macht der Dinge eine poetische Kraft. In München sind 40 Kabinette aus dem Istanbuler Museum zu sehen, die Pamuk für diese Wanderausstellung nachgestaltet hat.

 

Eigens für die Ausstellung entstehen zusätzlich neue Werke, die sich in Auseinandersetzung mit der Sammlung des Lenbachhauses und Künstlern wie Paul Klee und Alfred Kubin mit weiteren Romanen Pamuks verflechten. Indem er über die besondere Art von Trost nachdenkt, die uns Dinge spenden können, greift er Themen auf, die ihn seit vielen Jahren beschäftigen: kultureller Wandel, „Okzidentalismus“ und „Orientalismus“, Fiktion und Erinnerung und die Rolle von Museen.

 

Pamuks bisher weitgehend unbekannte Seite als bildender Künstler wird in weiteren Werkserien teils erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert. Eine Auswahl seiner Gemälde, Zeichnungen, Skizzenbücher und Notizbücher sowie Fotografien gewährt einen sehr persönlichen Einblick in sein vielschichtiges Œuvre, in dem er sich auf immer neue Weise seiner Heimatstadt Istanbul, ihrer bewegten Historie vom Osmanischen Reich bis zur Republik Türkei sowie den Menschen, die in ihr leben, nähert. In seinen Romanen wie auch seinem konzeptuellen und bildnerischen Werk vermittelt sich dabei ein Seelenzustand der Melancholie oder der kollektiven Stimmung des „Hüzün“ und inspiriert zur Diskussion über das Aufeinandertreffen  und  Verschmelzen  von  Kulturen.  Orhan  Pamuk  erschafft  daraus  ein

 

Gesamtkunstwerk: „Ich schreibe, weil ich die Wirklichkeit nur ertrage, wenn ich sie verändern kann.“

 

Im Rahmen der Ausstellung wird das Video-Triptychon des Künstlers Ali Kazma "A House of Ink" gezeigt, das sich mit Pamuks literarischem und künstlerischem Werk, seinem Atelier, seiner Bibliothek und seinem umfangreichen Archiv befasst. Courtesy der Künstler und Francesca Minini, Mailand.

 

Kuratiert von Melanie Vietmeier und Matthias Mühling

 

 

 

 

Die Chinesische Künstlerin Ciao Fei bei der Eröffnung Ihrer Ausstellung Meta-Mentary im Lenbachhaus April 2024
Maria VMier, Companion in Rejoicing! – in Rejoicing (BLUE-BLACK), 2021 Gefährt*in im Jubel! – im Jubel (BLAU-SCHWARZ) Tusche auf Papier 2024 mit Mitteln der Written Art Collection für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erworben Foto: Bayerische Staat
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