JUKEBOX. JEWKBOX! EIN JÜDISCHES JAHRHUNDERT AUF SCHELLACK UND VINYL

Eröffnung:                                             24.03.2015, 19 Uhr

Laufzeit:                                               25.03.―22.11.2015

 

 

Die Schallplatte - einst für eine rasante Entwicklung in der Musiktechnologie verantwortlich und der wohl wichtigste Tonträger des 20. Jahrhunderts - ist längst passé in der Ära des Internet und des grenzenlosen Downloads digitaler Musik. Glaubt man vielleicht, dass dem aber keineswegs so ist, zeigen boomende Plattenläden, junge DJs und Musikliebhaber aller Art, die mit Leidenschaft auf dieses Medium zurückgreifen, um den besonderen Charme der kratzenden und rauschenden Vinylaufnahmen zu genießen.

 

"Jukebox. Jewkbox!" greift das Thema der schwarzen Scheibe als wichtigstes Massenmedium der Populärkultur auf und arbeitet heraus, dass die damit verbundenen künstlerischen, kulturellen und auch wirtschaftlich bedingten Strömungen nicht nur, aber auch jüdische waren. Die Entwicklung der ersten globalen Kultur des 20. Jahrhunderts hat viel mit jüdischer Erfahrung zu tun und wäre ohne die Brüche in und mit der jüdischen Tradition im Zuge der kularisierung und der Massenemigration in den Westen fast undenkbar. Dabei geht es jedoch weniger darum, jüdische Musiker, Songwriter, Plattenproduzenten, Erfinder etc. als solche festzuschreiben, sondern vielmehr um die verschiedenen Ausdrucksformen und -möglichkeiten einer bestimmten Identität innerhalb ihres Umfeldes und innerhalb diverser kultureller Ausprägungen. So hat sich beispielsweise in den jiddischen Theaterliedern eine nostalgische "Tradition" neu erfunden, hat in der Punk-Musik eine Rebellion stattgefunden, die jüdische  und nichtjüdische Musiker zusammen auf die Bühne brachte, in einer aggressiven Auseinandersetzung mit dem Trauma des 20. Jahrhunderts, in Tabubrüchen, die provozieren sollten.

 

Die Erfindung des Vorläufers der Jukebox ist im Grunde genommen einem Zufall geschuldet: Der Amerikaner Thomas Alva Edison tüftelte 1877 an Verbesserungsmöglichkeiten des Telegrafen und des Telefons herum und erfand in diesem Zusammenhang eine Art Aufnahmegerät, den ersten funktionierenden Phonographen (Tonschreiber). Er war zwar nicht der erste, der sich damit beschäftigte, aber der erste, der ein Patent anmeldete. Das half Edison jedoch wenig: Er hatte zwar durchaus im Musikbereich Erfolg mit seinem für das Büro konzipierten Diktiergerät, aber die Zelluloid- oder Wachswalzen, die als Trägermedium r den Phonographen benutzt wurden, waren letztlich zu teuer. In der Zwischenzeit ließ sich der deutsch-jüdische Emigrant Emil Berliner in Amerika, und zwar im Jahr 1887, seinen scheibenförmigen Tonträger und das passende Abspielgerät patentieren: Die Schallplatte und das Grammophon traten ihre weltweite Erfolgsgeschichte an.

 

Im Foyer des Jüdischen Museums München können die Besucherinnen und Besucher selbst entscheiden, mit welcher Musik sie sich auf die Ausstellung einstimmen: Eine für alle zugängliche Jukebox soll mittels Münzeinwurf mit 120 verschiedenen Titeln verschiedenster Genres und Interpreten für launige Musik sorgen. In der zweiten Etage des Museums veranschaulichen unterschiedliche Grammophone aus verschiedenen zeitlichen Ebenen sowohl die technische Entwicklung als auch deren Kreativität: Dem teilweise spielerischen Bau der Geräte waren kaum Grenzen gesetzt: sei es ein Trichtergrammophon, dessen ausladende   Tulpe sich beim Publikum Gehör verschaffen wollte, oder auch ein transportables Koffergrammophon, das die Musik zu einem mobilen Medium macht.

 

Im Zentrum der Ausstellung zeigt ein "Plattenladen" die Bandbreite zahlreicher Künstlerinnen und Künstler auf Schellack und Vinyl gepresst. Ein langer, beleuchteter Tisch in der Mitte lädt ein, auf einem der gemütlichen Barhocker Platz zu nehmen und die unzähligen Plattencover aus Vergangenheit und auch Gegenwart zu bestaunen; sich vielleicht auf eigene Erinnerungen einzulassen, während man Stimmen lauscht, die von besonderen persönlichen "Schellack- Erlebnissen" berichten. Spätestens hier wird in schillerndem Ambiente die Vielfalt temporärer Moden deutlich, die unterschiedlichen Ausprägungen jüdischer Identität, stets in Berührung mit der Umgebungskultur. Hörbeispiele rollen gemeinsam mit Texten unterschiedlicher und sehr persönlicher jüdischer Erfahrungen mit der ersten Schallplatte, die möglicherweise sogar lebensverändernd gewirkt haben, neue Wahrnehmungsdimensionen auf und bieten einen Blick auf die Heterogenität "jüdischer Musik", die sich einer einfachen und klaren Definition stets entzieht. "Jukebox. Jewkbox!" erzählt von der Verwandlung synagogaler Musik in bürgerlichen Kunstgenuss, von der Neuerfindung jüdischer Folkmusik, von jiddischen Theaterliedern und ihrer Shtetlromantik bis zur Entwicklung des Klezmer oder auch dem innovativen und rebellischen Punk gegen die kommerzielle Popmusik.

 

Gleichzeitig werden die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, seine Utopien, Brüche und Katastrophen artikuliert: In der Musik selbst wird dies ebenso sichtbar wie auch in "Voice Letters", die Soldaten an der Front während des zweiten Weltkriegs eine akustische Verbindung zu ihren Familien ermöglichten.

 

Die Lounge lässt mit Plüschteppichen, Sitzsäcken und atmosphärischem Licht nochmals innehalten. Musikvideos unterstreichen die bisherigen Eindrücke. Vorher auf den   Plattencovers entdeckte Bilder werden nunmehr bewegt: Sophie Tucker singt in strahlender Imposanz und der "Fiddler on the Roof" - das Musical zu Scholem Alejchems berühmtem Roman "Tewje, der Milchmann" - schmettert sein unvergessliches "If I was a rich man".

 

Das dreigeteilte Ausstellungskonzept - die Station mit den Grammophonen, der "Plattenladen" und der Loungebereich - bieten in einer farbig-fröhlichen Umgebung zahlreiche akustische   und visuelle Erlebnisse, die eine Musikgeschichte der Populärkultur in vielen Facetten subsummiert. Musik ist für Menschen stets auf die eine oder andere Art bewegend und genau das möchte die Ausstellung "Jukebox. Jewkbox!" vermitteln. Sie will den besonderen Ritualen, die mit Schallplatten verbunden sind, nachspüren, dem Gefühl, das mit dem Aufsetzen des Tonarms verbunden ist, mit dem sich Erinnerungen an kostbare oder verstörende Momente des Lebens in die Körpererinnerung eingeschrieben hat.

 

Der Katalog zur Ausstellung (mit beiliegender Single) hält nicht nur für Liebhaber interessante Einblicke bereit; weiterführende Essays beschäftigen sich vertiefend mit der Thematik und präsentieren anschaulich eine Mischung wissenschaftlicher Informationen und persönlicher Erzählungen.

 

Jukebox. Jewkbox! Ein jüdisches Jahrhundert auf Schellack und Vinyl. Herausgegeben von Hanno Loewy im Auftrag des Jüdischen Museums Hohenems in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum München.

 

BUCHER Verlag, Hohenems 2014, 312 Seiten, 29,90 Euro.

 

Mit Essays von Caspar Battegay, Alan Dein, Helene Maimann, Raymond Wolff. Beiträge von Timna Brauer, Vladimir Vertlib, Lizzie Doron, Ari Rath, Cilly Kugelmann, Marian Fuks, Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Michael Asch, Ellen Presser, Olga Mannheimer und vielen anderen.ISBN: 978-3-99018-296-3

 

Die Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Hohenems realisiert. Kurator: Hanno Loewy, Jüdisches Museum Hohenems , Ausstellungsarchitektur: atelier stecher, Götzis

Fritz Gerlich
Anne-Mary Deutsch, Künstlerin aus Freiburg lebt auf dem Planet Schwarzwald

Gib jedem Tag die Chance, der schönste Deines Lebens zu werden. Mark Twain

Interview mit Richard Werner, Consultant bei Trend Micro
Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
Copyright Beate Obermann M.A., 2017, alle Rechte vorbehalten