BIER IST DER WEIN DIESES LANDES JÜDISCHE BRAUGESCHICHTEN

Hopfen und Malz, Hefe und Wasser: vier Zutaten, aus denen in Bayern traditionell Bier gebraut wird, und die einzigen, die das Bayerische Reinheitsgebot seit 500 Jahren zulässt. Das Jüdische Museum München nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, erstmals in einer Ausstellung Geschichte und Gegenwart des Biers in der jüdischen Tradition und Kultur zu beleuchten.

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums München.

 

Kurator: Bernhard Purin in Zusammenarbeit mit Lilian Harlander Ausstellungsgestaltung: Architekt Martin Kohlbauer

 

Ausstellungsdauer: 13.04.2016―08.01.2017

 

Die Geschichte des Biers ist freilich älter als das Bayerische Reinheitsgebot: Schon vor 5000 Jahren wurde im Alten Ägypten Bier gebraut und dort lernten auch die Israeliten das Volksgetränk Bier kennen und schätzen. Sie beschäftigten sich mit der Frage, ob Bier koscher sei und anstelle von Wein für rituelle Handlungen verwendet werden dürfe. Grundsätzlich entsprechen die im Bier verwendeten Zutaten den rituellen Speisegeboten. Jüdische Religionsgelehrte legen für den Talmud fest: Wenn „das Bier der Wein dieses Landes“ sei, so spreche nichts dagegen, es in jüdische Rituale aufzunehmen. Nur an Pessach, an dem alles Gesäuerte verboten ist, darf kein Bier getrunken werden, da es vergoren ist.

 

Die Ausstellung erzählt von Aberglaube und Verwechslungen, wenn sie der Frage nachgeht, was ein oberpfälzischer Zoigl als eines der mittelalterlichen Brauersymbole mit dem Davidstern zu tun hat. Der Zoigl („Anzeiger“) wird an einem Haus angebracht, um zu signalisieren, dass dort frisches Bier ausgeschenkt wird. Dieser Brauch hat sich bis heute in der Oberpfalz erhalten. Die Herkunft des zum Verwechseln ähnlichen Davidsterns wird kontrovers diskutiert. Brauerstern und Davidstern verbreiteten sich im Hochmittelalter gemeinsam von Böhmen aus nach Westen: Während sich aber der Davidstern ab dem 18. Jahrhundert als eines der Symbole des Judentums durchsetzte und bald weltweite Akzeptanz fand, blieb der Zoigl ein weitgehend süddeutsches Phänomen, das allerdings in den letzten Jahren eine Renaissance feiert.

 

Anschaulich wird die im Spätmittelalter beginnende Geschichte der jüdischen Hopfenhändler beleuchtet: Ab dem späten 15. Jahrhundert entwickelte sich der bayerische Hopfenhandel zu einer eigenen Handelssparte, in der jüdische Händler bis zur Zeit des Nationalsozialismus eine führende Rolle spielten. Eine bedeutende Stellung nahm im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Stadt Nürnberg ein, wo der Hopfenmarkt zu einem internationalen Welthandelsplatz wurde. Nur wenige der süddeutschen Hopfenhändler-Familien wie die Familien Fromm und Steiner kehrten trotz ihrer Erfahrung der Ausgrenzung und Verfolgung in der nationalsozialistischen Zeit nach 1945 zurück und setzten innovative Schritte in der Hopfenveredelung und dem Hopfenhandel.

 

Eine Veredelung ganz anderer Art wird in einem weiteren Kapitel der Ausstellung geschildert, nämlich die Bierkrugveredelung. Dieses Bemalen von Krügen sowie die Herstellung und Montage von Zinndeckeln war ein neues Gewerbe des späten 19. Jahrhunderts, das maßgeblich von jüdischen Zuwanderern nach München entwickelt und betrieben wurde. Die ursprünglich unverzierten Steinzeug-Bierkrüge wurden nunmehr bemalt, in neue Formen gebracht, später auch bedruckt oder mit Abziehbildern geschmückt und mit Zinndeckeln versehen. Der Erste Weltkrieg stellte für das Bierkrugveredelungsgewerbe einen tiefen Einschnitt dar und es wurde nur mehr in kleinerem Umfang bis in die 1930-er Jahre fortgeführt.

 

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die jüdischen Brauherren in München und Umgebung. Die freiherrliche Familie von Hirsch errichtete 1836 vor den Toren Münchens die Schlossbrauerei Planegg. Ihre industriellen und technischen Standards wiesen sie als modernste Brauerei ihrer Zeit in Bayern aus. Sie wurde zum Vorbild für jene Münchner Brauereien, die in den Folgejahren ihre beengten Betriebe in der Altstadt aufgaben und neue Brauanlagen in den Vororten errichteten. 1895 gründete der aus einer kleinen Landjudengemeinde in Mittelfranken stammende Josef Schülein die Unionsbrauerei Schülein & Cie., die rasch zu einer der großen Brauereien Münchens anwuchs. Er und sein Sohn Hermann fusionierten sie 1921 mit der Löwenbräu AG. Und während sich Josef Schülein in die Schlossbrauerei Kaltenberg zurückzog und dort privat Bier braute, wurde die Löwenbräu AG unter Hermann Schülein als Generaldirektor zur bedeutendsten exportorientierten Brauerei Münchens. Nach seinem von den Nationalsozialisten erzwungenen Rücktritt emigrierte er 1936 in die USA, wo er seine erfolgreiche Laufbahn im Brauereigewerbe als Direktor der Liebmann Brewery in New York fortsetzte. Durch eine neue Rezeptur der Biermarke „Rheingold“ und innovative Werbemethoden wie die jährliche Wahl der „Miss Rheingold“ oder auch den Einsatz von Stars wie Louis Armstrong, Nat King Cole, Marlene Dietrich, Ella Fitzgerald oder John Wayne wurde sie zur erfolgreichsten Brauerei der amerikanischen Ostküste. Bis heute gelten Hermann Schüleins Werbestrategien im Bereich der Markenbildung und -pflege als vorbildhaft.

 

Abschließend widmet sich die Ausstellung der Bierkultur im heutigen Israel, die zum einen stark von der deutschen Brautradition und deutschen Bierstilen geprägt ist und andererseits durch eine junge und vielfältige Craft-Beer-Szene überrascht. Eigens für die Ausstellung „Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten“ haben der Jerusalemer Herzl Beer Workshop und die Münchner CREW Republic gemeinsam ein Bier gebraut, den ersten deutsch- israelischen „Collaboration Brew“ überhaupt. Das Ergebnis, ein bernsteinfarbenes Steam-Beer mit einer leicht hopfigen Note, wird während der Dauer der Ausstellung im Café Exponat und in ausgewählten Münchner Lokalen erhältlich sein. Eine kleine Besonderheit für alle, die an einem Ausstellungsrundgang teilnehmen: Am Ende jedes Rundgangs kann das Bier verkostet werden, um einen Eindruck der geschmacklichen Vielfalt zu vermitteln, die innerhalb des Bayerischen Reinheitsgebots möglich ist.
GABRIELE MÜNTER Bildnis Marianne von Werefkin, 1909 Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
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